Ansicht der Basilika Hecklingen von Osten

Das Hecklinger Wappen

Botschaft-Symbolik-Zusammenhänge

Frühe Beziehungen zwischen Staßfurt und dem Kloster Hecklingen

von Christfried Kulosa

Während Staßfurt erstmals im Jahre 806 durch den Befehl Karls des Großen an den Abt des Klosters Niederaltteich erwähnt ist, kann Hecklingen bzw. Kakelingen (s.u.) erst knapp 140 Jahre später mit dieser Tatsache aufwarten. Beide Ortschaften standen um das Jahr 1000 bereits im lebhaften Wechselspiel weltlicher und kirchlicher Herrschaften. Das wirtschaftliche und kulturelle Aufblühen mitteldeutscher Gebiete sowie das Ringen um Einfluss seit der Zeit der Karolinger und Ottonen hat sich auch in unserer Region nachweislich niedergeschlagen.

Zur Missionsgeschichte und Kirchenentstehung

Blick zur Basilika Hecklingen vom ehemaligen Kreuzgang-Areal her

Karl d. Gr., dessen Züge gegen die Sachsen und Wenden mehrfach in den Nordthüringengengau (das Gebiet nördlich der Bode, wo er 780 zahlreiche Taufen veranlasste) und den Schwabengau (südlich der Bode, wo er z.B. 784 durch Bernburger Land nach Magdeburg zog) geführt hatten, teilte das Land in staatliche und kirchliche Verwaltungsbezirke ein. Damit wurde der Grundstein zum Bistum Halberstadt als Zentrum der Mission unter den Ostsachsen gelegt.
Die dann über Generationen betriebene Christianisierung ging mit der Kolonisierung sächsischer und slawischer Siedlungsräume und dem planmäßigem Aufbau von kirchlichen Strukturen einher. Heute ruft das vielfach unter Zwang erwirkte Glaubens-²Bekenntnis² Befremden hervor.  Doch innerhalb des mittelalterlichen Denkens und Fühlens waren individuelle Freiheiten weitgehend unbekannt. Außerdem stieß die christliche Botschaft durchaus innovativ-befreiend in geistig-kulturelle Defizite vor. Denn das heidnisch-naturreligiöse Bewußtsein stellte sich für viele Menschen aufgrund langer Erfahrungen von Stagnation, Angst und Unversöhnlichkeit als überholt dar. Die Ausstrahlung der Klöster im Zusammenklang von Askese, Bildung und wirtschaftlicher Initiative war vielerorts Vorbote eines zivilisatorischen Aufbruchs, der schließlich in die Bildung von Städten und in sich weiter aufbauenden Strukturen von Wirtschaft, Politik und Kirche einmündete.

Am Harz wurde zur Zeit Ottos d.Gr., kurz vor der Jahrtausendwende, kirchliche Stifte zur Aufnahme adliger Töchter gegründet: Quedlinburg, Frose und Gernrode.

Weitere Klostergründungen waren ein Mönchskloster in Ballenstedt und schließlich in Hecklingen ­ zuerst ein Kanoniker- (=Chorherren-) Stift, aus dem, wie noch erläutert wird, später ein Nonnenkloster wurde.

Die Ursprünge von Hecklingen und seinem Kloster

Bereits seit 100 Jahren wird die Vermutung geäußert, dass ursprünglich zwei nahe Siedlungen - Kakelingen und Hecklingen - existiert haben, die dann am Ort des heutigen Hecklingen verschmolzen. Tatsächlich hat ja 1995 die archäologische Erkundung auf dem Gebiet der Baustelle zwischen Staßfurt und Hecklingen eine mit Kakelingen identifizierte Siedlung mit umfangreichen Gräberfeldern (4.000 ­ 5.000 Bestattungen), zahlreichen Siedlungsspuren sowie oben erwähnte Kirche zu Tage gebracht.
Möglicherweise liegen aber nur unterschiedliche Schreibweisen für ein und denselben Ort vor - Kakelingen (1138), Chakelingen (1145), Hakelingen (1176) u.ä. - der dann jedoch um ca. zwei Kilometer westwärts verlegt worden sein muss. Nimmt man jedoch zwei Ortschaften an, dann ist wohl immerhin das Kloster von Kakelingen nach Hecklingen umgezogen.

Stifterkopf an der Nordarkade der Hecklinger Basilika - Adela von Plötzkau
Der Anfang der zwischen dem heutigen Hecklingen und Staßfurt gelegenen Siedlung Kakelingen kann nach bisherigem archälogischen Befund mindestens in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts datiert werden. Doch wissen wir von einer Ersterwähnung Egino von Kakelingens aus dem Jahre 944. Belegt ist dann als weitere Ahnenreihe der Herren von Kakelingen: Auf Alvericus von Kakelingen folgte sein Sohn Bernhard, der Klostergründer. Um 1075 erhielt er den Grafentitel ²zu Plötzkau². In jener Zeit muß das Kanonikerstift der Plötzkauer Askanier-Familie mit einem ersten Klosterbau zu Kakelingen in Erscheinung getreten sein.
Die Familiengeschichte verlief dann jedoch so, dass Konrad von der Nordmark - auch als flos saxoniae oder ²Sachsenblume² bezeichnet und vermutlich im vordersten Stifterkopf der Hecklinger Basilika verewigt - um 1130 die Stammburg in Kakelingen abreißen und nunmehr ein Benediktiner-Nonnenkloster errichten ließ. Dieses stand wahrscheinlich mit seinen ersten Bauten noch in Kakelingen und ist erstmals bezeugt in einer Bulle des Papstes Innocenz II. aus dem Jahre 1140, wo der Äbtissin und ihren Nachfolgerinnen der päpstliche Schutz zugesagt wird. Dort werden auch zwei Nachkommen Bernhards genannt: Dietrich (Theoderich) und dessen Sohn Helperich (vgl. den vierten Stifterkopf in der Hecklinger Basilika). Helperichs Kinder (vgl. a. den fünften Stifterkopf - Helperichs Gemahlin Adela) wiederum sind Markgraf Konrad, Bernhard II. und Irmengard.


archaisch-mythologisches Löwenrelief unter der Südempore der Hecklinger Basilika - um 1240
Die erste Abtissin des Klosters, welches den Heiligen Georgius und Pankratius geweiht und mit 12 Nonnen aus dem Kloster Gerbstädt besetzt wurde, war dann diese Irmengard. Nachdem 1133 ihr Bruder Konrad von der Nordmark auf einem Italienfeldzug Lothars III. getötet wurde und der Bruder Bernhard auf einem Kreuzzug um 1147 ebenfalls sein Leben verlor, starb das Geschlecht in männlicher Linie aus.
Doch kurz zuvor erhielt das Kloster im Jahre 1145 die Pfarreien Staßfurt, Altendorf, Cochstedt und Winningen geschenkt. Nach einem langwierigen Streit zwischen dem Welfen Heinrich dem Löwen und dem Askanier Albrecht dem Bären um die Erbschaft der Plötzkauer sowie dem Tod Irmengards um 1160 ging der Besitz an Albrecht den Bären 1152 über. In dieser Zeit wurde gut zwei Kilometer westlich der Wüstung Kakelingen mit dem Bau der bedeutenden romanischen Klosterkirche begonnen, die in drei Bauabschnitten (Baubeginn 1160/76, Unterbrechung ca. 1190-1210, Fertigstellung 1210-1230 sowie Emporeneinbau 1230/40) errichtet wurde.

Der Grabungsbericht von Michael Krecher aus dem Jahre 1995, einer der aktuellsten Beiträge über die mittelalterliche Geschichte im Raum Hecklingen-Staßfurt, mündet in folgende Passagen:

"Der Verlust der Klostervogtei und die Verleihung der Stadt - und Marktrechte an die südlich der Bode gelegenen Siedlung 'Neuen Staßfurt' im Jahre 1180, dürften den Niedergang der Siedlung Kakelingen ausgelöst haben.
Zu welchem Zeitpunkt Kakelingen nun endgültig aufgegeben worden ist, bedarf weiterer archäologischer Untersuchungen im zentralen Siedlungsbereich. Hier sollten auch die Reste des historisch bekundeten Klosters und damit auch die der Burg angetroffen werden. Jedenfalls ist nicht mit einem plötzlichen Abbruch der Siedlungsaktivität nach der Klosterverlegung, also nach 1160, zu rechnen." ( Krecher, Michael, Ausgrabungen in der Wüstung Kakelingen bei Staßfurt, Ldkr. Aschersleben-Staßfurt, in: Archäologische Berichte aus Sachsen-Anhalt 1996, Halle 1997, hg. v. Fröhlich, Siegfried, 47-59)

Zu den Beziehungen des Klosters Hecklingen mit Teilen Staßfurts

Ab 956 unterstanden die Solquellen Alt-Staßfurts dem Erzbischof von Magdeburg, da Otto I. ihn mit allen Salzquellen des Erzstiftes belehnt hatte. Sie wurden nun für 800 rh. Gulden an Vasallen verpachtet. Außerdem war der Magdeburger Bischof für den militärischen Schutz von Ort und Salzwerken zuständig.


Romanisches Portal des älteren Südflügels des Hecklinger Stadtschlosses - vermutlich Teil des ursprünglichen Klausurgebäudes
Aus dem Jahre 970 stammt die Notiz in einer Urkunde des 15 Kilometer entfernten Klosters Nienburg, dass "dem Benediktinerkloster Thankmarsfelde im Harz von seinen Gründern, Erzbischof Gero von Köln und dessen Bruder, dem Markgrafen Thietmar, Ostersalthusen in Staßfurdi mit den Leibeigenen, Weiden, Wiesen, Gewässern und der Fischerei geschenkt" wurden. Fünf Jahre später erfolgte jedoch die Verlegung des erst 970 gegründeten Klosters Thankmarsfelde nach Nienburg. Diese Benediktinerabtei an der Bodemündung gewann rasch an Bedeutung und erhielt bereits 993 von Otto III. sowohl Markt- als auch Münzrecht. So überführte dann auch der Kaiser Konrad II. unter Abt Albuin 1035 den Markt von Stasvurde nach Nienburg, was mit Bedeutungsverlust für die Salzstadt einherging.

Im Jahre 1145 wurden vom Papst alle Besitzungen des Nienburger Klosters, einschließlich Stasvurde, bestätigt. Gleichzeitig wird erstmals die auf dem Südufer der Bode gelegene Siedlung Staßfurt erwähnt, die an einer Burg gelegen, ihre Ursprünge auch von einer slawischen Siedlung ableitet. Der Name ²Wendelitz² (nach der Stammesbezeichnung der Wenden) weist bis heute auf diese geschichtliche Wurzel hin. Jenes Territorium war seit Ludwig dem Frommen (814-840) dem Bistum Halberstadt zugeordnet, und die Bode stellte die natürliche Grenze beider geistlicher Gebiete dar.

Stifterkopf - Helperich von Plötzkau (Gemahl der Adela)
In der Urkunde Bischof Rudolf von Halberstadts aus dem Jahre 1145 steht, dass Graf Bernhard von Plötzkau zu seinem Seelenheil und zur Hebung des Dienstes Gottes dem Benediktinerinnenkloster Chakelingen (Kakelingen, später jedoch Hecklingen), wo seine Schwester Irmengard Äbtissin war, die Pfarrei Staßfurts (südlich der Bode) geschenkt habe. Auf dieser Schenkung beruhte bis zur Reformation das Patronat des Hecklinger Klosters über die Staßfurter Johanneskirche ­ somit eines der deutlichsten Überbleibsel der mittelalterlichen Abhängigkeit (Neuen) Staßfurts von Hecklingen. Das Erbe der Plötzkauer traten dann die Askanier an, so dass bald Albrecht dem Bären das Kloster Hecklingen mit seinem wertvollsten Besitz, dem Salzort Staßfurt, gehörte.

Die Kämpfe zwischen dem Erben der Plötzkauer und Heinrich dem Löwen fanden sicherlich nicht ohne Grund mindestens zweimal ­ 1130 und ein Jahrzehnt später, als Albrechts Adelssitz Ascaniasleben (Aschersleben) zerstört wurde ­ in der Nähe der wertvollen Salzförderstelle Staßfurt statt.

Im weiteren Verlauf der wechselvollen Geschichte gelangte dann im 13. Jahrhundert Staßfurt ganz unter das Erzbistum Magdeburg. Denn aufgrund der Verschuldung Johann I. und Albrecht II. von Sachsen war die Stadt samt dem Schloss 1276 an den Magdeburger Erzbischof verpfändet worden.

Der Einfluss der Askanier auf Staßfurt trat so in den Hintergrund. Im Jahre 1461 verkaufte Bernhard IV. von Anhalt zudem das Gelände zwischen Staßfurt Güsten und Neundorf an die Stadt Staßfurt.

In den bewegten Jahrhunderten bis zur Reformationszeit, als die Besitzer der beiden Staßfurter Siedlungen häufig wechselten, übten Nienburg und Hecklingen auf die ihnen jeweils zugeordneten Siedlungen maßgeblichen Einfluss mindestens im Bereich der Bildung aus. Schüler, unter ihnen viele Angehörige der Adelsfamilien, d.h. der Pfänner, wurden in den beiden Klöstern erzogen und nach Möglichkeit mit dem Wissen ihrer Zeit ausgestattet.

Leichenstein der letzten Hecklinger Äbtissin - 1559
Daraus zu schlussfolgern, dass das Hecklinger Kloster wohlhabend gewesen wäre, ist nicht anzunehmen.

Die im Jahre 1496 über das Hecklinger Kloster hereinbrechende Brandkatastrophe warf dann einen Schatten über das Anwesen. Obgleich die Basilika von dem Feuer verschont blieb und das Kloster wieder aufgebaut werden konnte, fehlten im Gefolge der Reformation und Säkularisation des Klosters personelle wie materielle Ressourcen, um an die einstige Berühmtheit anzuknüpfen.

Die Reformation hielt in Staßfurt bereits 1524/25 durch Wanderprediger Einzug..
Das Klosterleben Hecklingens erlosch erst 1559, als die Zahl der Nonnen stark abgenommen hatte und die letzte Äbtissin, Barbara Schildes, zum evangelischen Glauben übertrat. Zwölf Jahre später konnte Christoph von Trotha für 23.000 Taler das Kloster aufkaufen. Ein neues Kapitel begann für den Ort und das Klosteranwesen in Hecklingen.

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